N A U T I L U S 38
Das Ende ist nah

Der Weltuntergang in der Vorstellung unterschiedlicher Kulturen

Apokalypse - Krankheit und Zerstörung, Tod und Teufel, einstürzender Himmel und brennende Metropolen. Die Apokalypse ist das Ende der Welt, die Schwärze, in der alles Leben am Ende aller Zeiten versinken muss. Oder doch nicht?
Apokalypse - das kann auch Neubeginn, Reinigung und Rettung sein. Der Gedanke an ein Ende der Welt, die wir kennen, hat die Menschheit schon immer beschäftigt. Nicht nur die Vergänglichkeit des eigenen Körpers, sondern auch die Vergänglichkeit allen bekannten Lebens ist in unserer Vorstellung anscheinend fest verankert. Das Verb »apokalyptein« ist griechisch und bedeutet aufdecken (daher die lateinische Übersetzung »Revelation« und die deutsche Übersetzung »Offenbarung« im Neuen Testament). Was die Welt in einer endzeitlichen Zukunft erwartet, glauben Propheten und Seher aufgedeckt zu haben. Ihre Botschaften und Lehren überdauerten Jahrtausende. Wie sieht das Ende der Welt aus? Welche Schrecken werden in den letzten Tagen über unseren Planeten hereinbrechen? Sehen wir uns die Antworten unterschiedlicher Kulturen und Philosophien im Lauf der Menschheitsgeschichte an.

Feuer und Erdbeben
Eine der ältesten Antworten auf die Art des Weltuntergangs bietet das Gilgamesch-Epos. Aus sumerischen Tempelinschriften geht hervor, dass Gilgamesch von ungefähr 2652 bis 2602 vor Christus in der mesopotamischen Stadt Uruk herrschte. Einer unbestätigten Überlieferung zufolge wurde die Geschichte von einem Dichter namens Sin-leque-unnini niedergeschrieben, der um 1100 vor Christus gelebt haben soll: Gilgamesch, der halbgöttliche König von Uruk, zieht mit seinem Waffenbruder Enkidu aus, um den Bergdämon Chuwawa zu töten. Vor dem Kampf gegen das Ungeheuer hat Gilgamesch einen Traum vom Weltuntergang: Der Himmel schreit auf, und ein Dröhnen erschüttert das gesamte Erdreich. Der Tag wird zu einer von Gewittern gepeitschten Nacht. Weißglühendes Feuer und Tod regnen aus den Wolken herab und verwandeln alles in Asche.
Die eigene Vergänglichkeit wird dem zutiefst erschütterten König von Uruk ebenfalls vor Augen geführt: Als sein Freund Enkidu nach dem Kampf mit einem gewaltigen Stier sein Leben lässt, zieht Gilgamesch in Todesangst über die gesamte Erde, um die Unsterblichkeit zu finden. Der Held holt das Lebenskraut vom Grund des Meeres, doch es wird ihm von einer Schlange geraubt. So muss Gilgamesch erkennen, dass ewiges Leben den Göttern vorbehalten ist. Die Menschen und die Welt, in der sie leben, müssen allesamt sterben. Traurig kehrt Gilgamesch in sein Reich zurück, doch seine Erfahrungen haben ihn zu einem weiseren und besseren Herrscher gemacht.

Zeit der Monster
Nach altnordischer Vorstellung wird die Welt in einem gewaltigen Kampf zwischen Gut und Böse zugrunde gehen, um anschließend neu geschaffen zu werden. Dieses Ende der Schöpfung wird »Ragnarök« genannt. Im Deutschen wird diese Bezeichnung für die Endzeit meist mit »Götterdämmerung« übersetzt. Eigentlich setzt sich Ragnarök jedoch aus den Worten »regin« (Gott) und »rök« (Ursache, Sinn des Ursprungs) zusammen. Das Ende der Götter in der letzten Schlacht der Welt steht also von Anfang an unumstößlich fest: Ragnarök ist das Schicksal der Götter.
Der Verlauf von Ragnarök ist in der Völuspá festgeschrieben. Die genaue Ursprungszeit dieser epischen Saga ist in der Forschung umstritten, doch die meisten Wissenschaftler plädieren für eine Datierung um 1000 nach Christus. Völuspá bedeutet »Weissagung der Seherin«; der Verfasser des legendären Gedichts ist bis heute unbekannt.
Die Seherin verkündet, die letzten Tage würden von zwei Zeichen angekündigt: Von grausamen Kriegen, die drei Jahre lang toben, und von einem harten Winter, der ebenfalls drei Jahre lang über der Welt liegen soll. Anschließend werden die riesigen Wölfe Managarm und Sköll die Sonne und den Mond verschlingen, woraufhin auch die letzten Lichtspender, die Sterne, vom Himmel fallen. In der darauffolgenden Finsternis ebnet ein gewaltiges Beben die Gebirge der Welt ein und reißt die Wurzeln aller Pflanzen aus dem Boden. Dank dieser Erschütterung zerreißt der Fenriswolf die magische Fessel Gleipnir und stürzt sich in wilder Wut auf die kampfbereiten Götter. Der Göttervater Odin selbst findet in den Fängen des Wolfdämons sein Ende. Erst der rächende Odinssohn Vidar wird das Ungeheuer töten, indem er seinen Fuß ins Maul des Ungetüms setzt und dessen Kiefer auseinander reißt.
Durch das Erdbeben kommt ein weiteres legendäres Ungetüm frei: Die riesige Midgardschlange erhebt sich aus dem Weltmeer. Mit seinem heiligen Hammer Mjölnir wird der Donnergott Thor dem Ungeheuer den Schädel einschlagen, bevor er selbst an dessen Gift zugrunde geht.
In einer legendären Schlacht prallen die göttlichen Asen und die uralten Riesen aufeinander. Das Totenschiff Naglfar, erbaut aus den Finger- und Zehennägeln unzähliger Verstorbener, erhebt sich aus den Fluten. Sein Kapitän ist der Feuerriese Muspell, der gemeinsam mit seinen flammenden Söhnen in dem grausigen Gefährt zum Schlachtfeld reist. Dort gesellen sie sich zu den Hrimthursar, den Frostriesen. Gemeinsam mit furchterregenden Ungeheuern stürzen sie sich auf die Asen.
Nach der Schlacht haben sich Gut und Böse, Asen und Riesen gegenseitig fast völlig ausgelöscht. Aus dem neuen Gleichgewicht, das durch den Ausgleich von Ordnung und Chaos entstanden ist, kann eine neue Welt entstehen. Die wenigen überlebenden Asen werden sich zu den Herrschern dieser neuen Schöpfung aufschwingen: Vidar, der Schlächter des Fenriswolfs, und dessen Halbbruder Vali ziehen in das neue Asgard ein. Nach Ragnarök werden Balder, der Gott der Gerechtigkeit, und Hödr aus dem Totenreich zurückkehren und mit Vali und Vidar über eine neue Schöpfung herrschen.

Götterzorn
Die Hochkultur der Azteken herrschte im 14. Jahrhundert unangefochten über Mittelamerika. Ihr letzter König wurde im Jahre 1521 durch die Spanier hingerichtet, doch die Ruinen ihrer riesigen Tempelanlagen ragen bis heute aus dem Dschungel. Die grausigen Blutriten der Azteken, denen Abertausende Sklaven zum Opfer fielen, prägen bis heute den Ruf dieses Volkes.(...)

Verena Stöcklein

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