N A U T I L U S 38
Der Mann, der die Sonne scheinen lässt

Interview mit Regisseur Danny Boyle

Danny Boyle führte vor Sunshine bereits Regie bei The Beach und 28 Days Later. NAUTILUS-Mitarbeiter Marcel Bülles konnte dem Briten in London einige Fragen stellen:

• Gratulation zu Sunshine, einem wirklich packenden Science-Fiction-Thriller. Ist das Ihr neues Lieblingsgenre?

Auf gar keinen Fall. Es gibt keinen Regisseur, der sich dem Genre Science Fiction zweimal zuwendet. Sicher, es gibt Kollegen, die sind daran gebunden, den zweiten oder dritten Teil einer Reihe zu filmen, wie etwa Star Wars, aber keiner macht sich freiwillig erneut auf ins Weltall. Der Aufwand für einen solchen Film ist unglaublich groß, und irgendwann kann man einfach nicht mehr. Man kann sich noch nicht mal vorstellen, es noch mal zu versuchen, ich zumindest nicht.
Es sind noch nicht mal die vielen Spezialeffekte und die Nachbearbeitung des Filmmaterials. Es gibt ein sehr schönes Zitat, das ich mir immer wieder vor Augen halte: Auf einem Filmset solltest du immer eine Tür offen lassen, damit das wahre Leben Einzug halten kann. Das können glückliche Zufälle sein, Sonnenschein, gutes Wetter, die Entscheidung, die nächste Szene im Park zu drehen. Oder man trifft morgens auf dem Weg zur Arbeit einen wirklich spannenden Menschen und fragt ihn, ob er Lust hat, eine Rolle im Film zu übernehmen. Im Weltall ist das alles nicht möglich. Du steckst in dieser Hülle fest, bist in einem stählernen Grab gefangen. Alles, was im Film später zu sehen ist, muss von Anfang da sein, und es darf nichts mehr hinzugefügt werden, was eine gewaltige Einschränkung ist. Diese Umstände nutzen wir selbstverständlich, um die Intensität der Reise noch zu verstärken, um die schauspielerischen Darstellungen noch zu verbessern, aber ein solcher Film? Ein Zuschauer muss sich das ja nur zwei Stunden antun, aber stellen sie sich vor, zwei Jahre ihres Lebens, rund um die Uhr nur an einem Projekt dieser Art zu arbeiten? Das ist einfach unvorstellbar.

• Das hört sich nicht gerade nach der wahren Liebe an. Was hat Sie denn veranlasst, dieses Projekt anzugehen?

Die einfachste Prüfung, ob ein Film wirklich was werden kann, ist die Frage, ob ich mir den Film selbst ansehen würde. Auch wenn man sich in jahrelanger Tätigkeit einen Ruf als Regisseur erarbeitet hat, muss man immer noch seine Filmidee in einem Gespräch an den Mann bringen. Man kommt in einen Raum mit mehreren Leute, die den Daumen hochhalten oder ihn nach unten zeigen lassen können. Diese Leute muss ich überzeugen, und das geht nur, wenn ich selbst an das Projekt glaube. Das war bei Sunshine hundertprozentig der Fall. Ich bin damals mit folgendem Text in diesen sogenannten Pitch gegangen:
»Die Geschichte handelt von acht Astronauten, die an eine Bombe geschnallt sind, die die Größe von Kansas hat. Sie bringen diese Bombe zur Oberfläche der Sonne und bringen sie dort zur Detonation, um das Feuer der Sonne wieder zu entzünden, die langsam erkaltet« - und damit haben wir es geschafft. Kansas haben wir später auf Manhattan umgeschrieben, denn eine Kameraeinstellung mit einem Menschen auf einem Raumschiff der Größe Kansas’ hätte nicht funktioniert (lacht).
Wir hatten mit 28 Days Later einen Überraschungshit, und damit haben wir Vertrauen gewinnen können, wir haben größere künstlerische Freiheiten, zumindest bis zu einem gewissen Grade. Man bekommt also das Geld, und sie vertrauen dem Team. Wenn der Film ein Flop ist, kann man wieder von vorne anfangen, aber wenn er erneut ein Hit wird, bekommt man noch mehr Geld. Dann will die Produktionsfirma aber auch einen Star, ein wirklich schnulziges Happy End und jede Menge Szenen auf der Erde. Sie wissen schon, die üblichen Zutaten: NASA-Kontrollzentrum mit Gejubel, Massen, die auf die Rückkehr warten, und dann treffen wirklich drei Überlebende ein, die unter Tränen begrüßt werden.
Sie wollten uns schon vorschreiben, dass wir in die Richtung zu gehen hätten, aber wir haben einfach ein kleineres Budget genommen und uns unsere Freiheit bewahrt. Nur so hatten wir die Möglichkeit die Erde nur ein einziges Mal zu zeigen, ganz am Ende, in matten, sanften Tönen, respekt- und würdevoll.

• Independent-Projekt oder kommender Blockbuster - wie schätzen Sie Sunshine selbst ein?

Es war mir wichtig, eine Gruppe gleichberechtigter Wissenschaftler auf ihrer Mission zusammenzustellen, ähnlich wie beim ersten Alien-Film: Sigourney Weaver ist unerwartet und schrittweise in den Vordergrund gelangt, und das ist bei uns auch Cillians Aufgabe als Capa. Dabei habe ich mir immer gewünscht, mit internationalen Schauspielern zusammenarbeiten zu können, die aus aller Herren Länder stammen. Wer im Filmbusiness ist, der kommt in der Welt herum, aber es gibt nur ganz wenige Genres oder Themen, die eine internationale Besatzung zulassen - wie eben Science Fiction. Einen Russen haben wir in diesem Fall nicht an Bord genommen, weil wir davon ausgehen, dass in fünfzig Jahren nur noch die Asiaten und vielleicht die Amerikaner in der Lage sind, die exorbitanten Kosten dieses Unternehmens zu finanzieren.
Filme aus Großbritannien sind meiner Meinung nach meistens im kleinen Rahmen angesiedelt, mit lokalen und regionalen Themen, der Blick ist nach innen gerichtet - geradezu provinzlerisch. Es gibt genügend gute Filme dieser Art, aber es fehlt ihn allen an Ehrgeiz. Ich versuche, das Blickfeld zu erweitern, und Alex Garland hat mit seinen Drehbüchern ein goldenes Händchen für atemberaubende Bilder und anspruchsvolle Themen, die mich als Regisseur reizen. Dennoch bleibt Sunshine ein vollständig in Großbritannien hergestellter Film von einer Independent-Firma.
Ich glaube, wir haben mit diesem Film etwas ganz Besonderes auf die Leinwand gebracht. Als wir mit den Recherchen zum Thema begannen, gingen wir vergleichbare Science Fiction- und Katastrophenfilme durch und versuchten, uns wissenschaftliche Grundkenntnisse anzueignen. Es ist wirklich überraschend, wenn man erkennt, dass selbst Luft und Wasser nicht so wichtig sind wie die Sonne. Und dass es tatsächlich noch keinen Film gibt, der sich auf diese Art und Weise mit der Sonne befasst - unglaublich!
Wenn man in einem solchen Werk keinen echten Star hat - es sind allesamt begnadete Schauspieler, aber keine echten Stars - dann ist der Arbeitsaufwand, um den Film zu bewerben, absolut gigantisch. Wenn ein Studio Leonardo di Caprio für 20 Millionen Dollar einkauft, dann bezahlen sie ihm für den eigentlichen Film vielleicht drei Millionen, aber den Rest bekommt er, weil er die ganze Ochsentour mit der Presse durchmacht und die Werbetrommel rührt, was absolut unbezahlbar ist. So etwas haben wir natürlich nicht. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir mit Sunshine einen wirklich guten Streifen abgeliefert haben, der auch erfolgreich sein wird. (...)

Marcel Bülles

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